Nennt mir einen, der es besser gemacht hätte!
Am Sonntag, den 8.11.2026 findet der nächste Traditionsabend des FC Rot-Weiß Erfurt. Dort wird unter anderem vier neuen Ehrenmitgliedern öffentlich zu dieser Ernennung gratuliert, einer von ihnen ist der langjährige Präsident Rolf Rombach. Fedor Freytag hat für den 1966er eine kritische Würdigung der Präsidentschaft Rombachs verfasst, die wir hier mit freundlicher Genehmigung des Fanrats veröffentlichen dürfen.
Der FC Rot-Weiß Erfurt lag am Boden. Mal wieder.
Der Rausch der Zweiten Bundesliga war im Frühjahr 2005 verflogen, der Abstieg besiegelt. Eine sachkundige Bilanz summierte mehr als vier Millionen Euro Schulden. Ein erneuterGang zum Insolvenzrichter schien unabwendbar. Machen wir doch gleich einen Insolvenzanwalt zu unserem Präsidenten, müssen sie sich gedacht haben. So kam es zur Inthronisierung Rolf Rombachs.
Erste Handreichung des bisherigen Vorstands an den Neuen: eineTäuschung über das Ausmaß des monetären Fiaskos. Das belief sich nicht auf die avisierten 900.000, sondern auf vier Millionen Euro. Sie waren der Verzweiflung nahe.
„Wir haben uns überlegt, ob wir gemeinsam aus dem Fenster springen. Aber wir haben uns entschieden, es durchzuziehen."
So erinnert sich Detlef Goss, Rolf Rombachs kongenialer Vizepräsident, lebenskluger Sancho Panza und langjähriger Leidensgenosse, an den Sommer 2005. Stattdessen krempelten Rombach und Goss die Ärmel hoch und machten sich an die Arbeit.
Rolf Rombach, geboren 1953 in Linz am Rhein, neigt schon berufsbedingt nicht zum Bau von Luftschlössern. Sein Job verlangt, in den Ruinen, die andere hinterließen, das noch Verwertbare aufzuspüren. Der Diplom-Betriebswirt und Fachanwalt für Insolvenzrecht hat sich in Thüringen als Sanierungsexperte einen Namen gemacht. Seit 1991 führt er seine Kanzlei, rettet Unternehmen und kämpft um Arbeitsplätze in der Region.
Neuaufbau und Konsolidierung (2005 bis 2008)
Wie nach jedem Abstieg war derqualitative Verlust enorm. Geld weg, Spieler weg. Der Verein entschied sich, für die kommende Saison (05/06) Pavel Dotchev als Trainer zu verpflichten. Eine gute Wahl. Die Vereinsbosse um Rombach hielten am Bulgaren fest, selbst als sich abzeichnete, dass es mit dem Erhalt der Klasse eng werden könnte. Nachdem drittletzten Spieltag bestand allerdings kaum noch Hoffnung. Wir standen auf einem Abstiegsplatz und mussten in der Woche darauf in Wattenscheid, beim unmittelbaren Konkurrenten um den Nichtabstieg, antreten. Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch, wusste Hölderlin. Das Rettende wuchs eruptiv, und wir gewannen mit 5:1. Damit war der Klassenerhalt gesichert. Dotchevs Job auch.
Die Folgesaison begann katastrophal, wir rangierten zeitweise mit fünf Punkten Rückstand auf den ersten Nichtabstiegsplatz. Jedoch erwiesen sich einige von Manager Stefan Beutels Verpflichtungen als Glücksfall, wir entkamen der Abstiegszone. Eine Saison wie eine Achterbahnfahrt – die auf einem soliden Mittelfeldplatz endete. Aber ob des spielerischen Potenzials der Mannschaft schöpften wir Hoffnung auf eine baldige Rückkehr in die 2. Bundesliga.
Die kommende Saison (07/08) war von enormer Bedeutung für den Verein. Um sich für die eingleisige 3. Liga zu qualifizieren, musste man mindestens Platz 10 der Regionalliga Nord erreichen. Beutel und Dotchev rüsteten sportlich weiter auf, das Präsidium um Rombach ermöglichte es. Wir schafften die Qualifikation problemlos. Trotzdem überwog die Ernüchterung. Wir standen nach der Vorrunde auf Platz zwei, einem direkten Aufstiegsplatz in Liga 2. Die Mannschaft spielte den besten Fußball eines rot-weißen Teams seit Heun, Sänger, Hornik & Co.
In der Winterpause kam uns aber, über Nacht, Pavel Dotchev abhanden. Er verließ den Verein in Richtung Paderborn. In beiderseitigem Einvernehmen, hieß es. Ich war fassungslos. Follow the money: Die Mannschaft, die Beutel zusammengestellt hatte, spielte brillanten Fußball, aber sie hatte ihren Preis. Dann trat Wilfried Finke auf den Plan, Präsident des SC Paderborn und schwerreicher Möbelhausmagnat. Er wollte Pavel Dotchev nach Paderborn zurückholen und machte Rolf Rombach wohl ein Angebot, das dieser nicht ablehnen konnte. Karsten Baumann übernahm für Dotchev, konnte aber keine Beständigkeit in die sportlichenLeistungen bringen.
Ruhige Jahre in Liga 3 (2008 bis 2017)
Das erste Spiel der 3. Liga fand im Steigerwaldstadion gegen Dynamo Dresden statt, ein ostdeutsches Traditionsduell, live übertragen in der ARD. Wir verloren. Egal.
Kurz danach fand, aus meiner Sicht, der sportliche Höhepunkt der Ära Rombach statt: ein Heimspiel in der 1. DFB-Pokalhauptrunde gegen die deutsche Fußballsingularität schlechthin, den FC Bayern München. Eine immense logistische Herausforderung für den Verein und seinen Präsidenten. Es wurden Zusatztribünen in das alte Stadion gewuchtet, um möglichst vielen Zuschauern Einlass bieten zu können. Niemand, der vor Ort war, wird dieses epische Spektakel vergessen. Fünf späteren Weltmeistern, trainiert von Jürgen Klinsmann, waren wir über weite Strecken des Spiels ein ebenbürtiger Gegner. Es bedurfte Toni Kroos, um uns mit 3:4 zu besiegen.
Nach diesem Gipfel begannen die Mühen der Ebene in der 3. Liga. Gemessen an allem, was seit 1990 geschah, war das für den Verein RotWeiß Erfurt sportlich, finanziell und, was die Vereinsführung betraf, auch personell eine stabile Periode.
Es gelang, den Klub stabil in der 3.Liga zu verankern. Wir galten als die Drittligamannschaft schlechthin; sind noch heute Neunter der Ewigen Drittligatabelle. Doch es wurde von Jahr zu Jahr aufwendiger, die Substanzverluste im sportlichen Bereich auszugleichen. Konnten wir in den ersten Jahren unseren Blick eher nach oben richten, war ab Mitte der 2010er-Jahre allein der Klassenerhalt ein realistisches Saisonziel. Rombach kämpfte bis zur Selbstverleugnung, um die dafür notwendigen finanziellen Mittel aufzubringen. Die Lizenz wurde bis zuletzt dadurch gesichert, dass große Gläubiger – Banken,Kölmel und andere – die Schulden immer weiter stundeten. Es kamen neue Verbindlichkeiten hinzu, aber in einem vergleichsweise überschaubaren Umfang.
Die Mannschaft litt derweil chronisch an fußballerischer Schwindsucht. DieTrainer verlangten bessere Spieler, das NLZ musste professionalisiert werden, die Infrastruktur war marode. Man dachte sich immer neueAktionen aus, um Sponsoren, Mitglieder und Fans zu motivieren, dem Verein weitere Mittel zur Verfügungzu stellen. Durchaus mit Erfolg. Aber die Fundamente erodierten, es zeichneten sich Risse ab. Alle akquirierten Mittel reichten letztlich nur für ein paar Eimer Farbe, um sie zu übertünchen. Dass es eine größer werdende finanzielle Schieflage gab, ahnten viele im Umfeld. Aber, so what, wir erhielten jedes Jahr die Lizenz. Es ging weiter, immer weiter. Zunächst.
Der Umbau des Steigerwaldstadions
Das alte SWS mit seinen riesigen Bäumen war ein wunderbares Stadion. Allerdings war es in die Jahre gekommen und in vielerlei Hinsicht untauglich für die Zwecke eines Profivereins. Nicht zuletzt verhinderte es attraktive wie notwendige Zusatzeinnahmen durch VIP-Logen. Dieses Problem hatte Rolf Rombach geerbt. Im Unterschied zu allen bisherigen Präsidenten war er von Anfang an entschlossen, das zu ändern. Einen Verbündeten fand er in Oberbürgermeister Andreas Bausewein, der jedoch zunächst nicht bereit war, zur Unterstützung auch nur das kleinste Risiko einzugehen. Soll heißen: Die Stadt Erfurt würde den Umbau nicht finanzieren. Da erschien 2011, deus ex machina, mit Matthias Machnig einer der letzten Rock'n'Roller der deutschen Politik auf der Bildfläche und zauberte eine Finanzierungsidee aus dem Hut, bei der die Stadt Erfurt mit einem Eigenanteil von 15 % eine neue Arena plus ein schickes Kongresszentrum bekam. Es sollte trotzdem sechs Jahre dauern, bis die Multifunktionsarena 2017 fertiggestellt war. Rombach und Bausewein mussten sich in dieserZeit gegen massive Widerstände in Stadtrat, Verwaltung und Medien behaupten. Erfurt eben.
Oktober 2017 – das Ende
Der schlechte Saisonstart in die zehnte Saison der 3. Liga führte zur Entlassung Stefan Krämers. Eines sehr beliebten Trainers. Auch ich hielt das damals für einen Fehler. Aber es spielte, von heute aus betrachtet, keine Rolle, weil sogar Rolf Rombach einsehen musste, dass der Verein die Saison nicht ohne Insolvenz überstehen würde. Den damit verbundenen Verlust von 10 Punkten würden wir mit dieser Mannschaft nicht egalisieren können, völlig gleich unter welchem Trainer. Die Personalie Krämer war jedoch der Funke, der das Gebäude Rot-Weiß Erfurt in Brand setzte. Es folgten wilde Wochen und Monate. Rombach wurde abgesetzt, wieder eingesetzt und erneut abgesetzt. Ein Insolvenzantrag wurde gestellt.Im Resultat hatte statt des vielleicht besten Insolvenzverwalters Erfurts der womöglich schlechteste das Sagen im Verein. Es begann eine Irrfahrt, gegen die Odysseus' Heimreise vergleichsweise harmonisch wirkt.
Fazit
Rolf Rombach hat während seiner zwölfjährigen Präsidentschaft Fehler begangen.
Die Außendarstellung des Vereins war alles andere als optimal. Das hatte nicht zuletzt mit Wilfried Mohren zu tun, der als Pressesprecher seltsame Kolumnen schrieb, in denen er die eigenen Spieler lächerlich machte. Er brachte die Mannschaft, die sportlich Verantwortlichen und die Presse gegen sich auf. Zum bitteren Ende trieb er sogar das eigene Medienteam in den Streik.
Zudem war der Umgang mit vor allem kleineren, stets loyalen Sponsoren beklagenswert. Ein Manko, das bis heute nachwirkt. Manche Aktion, wie die Mission 2016, waren undurchdacht, weil sie offensichtlich mit der Realität nichts mehr gemein hatten. Bei weiteren Personalien wie Thomas Kalt und Alfred Hörtnagl wurde nie klar, zumindest mir, welchen Mehrwert sie für den Verein bringen sollten.
Vieles davon, nicht alles, ist rückblickend marginal. Rombach hatte 2017 den Plan, den Klub mittels einer Insolvenz in Eigenverwaltung zu sanieren, zurückzutreten und den Wegfür einen Neuaufbau freizumachen. Ob wir mit diesem Weg besser dastünden als heute, vermag niemand zu beurteilen.Womöglich brauchte es diesen Ground Zero, den Reinhardt hinterließ, damit jemand völlig Unbelastetes wie Franz Gerber den Verein neu erfinden konnte.
Was ich jedoch mit Sicherheit sagen kann: Rolf Rombach hat den FC Rot-Weiß Erfurt 2005 in einer aussichtslosen Lage übernommen, ihn am Leben erhalten, in die Dritte Liga geführt, dort lange Jahre etabliert und alles in seiner Macht Stehende unternommen, damit wir eine neue, moderne Spielstätte bekamen. Das alles unter widrigen wirtschaftlichen Bedingungen und in einer Stadt, für die unser Verein alles andere als eine Herzenssache war – und leider weiterhin ist.
Nennt mir noch jemanden, der dazu in der Lage gewesen wäre!
Detlef Goss und Rolf Rombach werden im November zu Ehrenmitgliedern des Vereins ernannt. Eine überfällige Geste.
Fedor Freytag
erschienen im 1966er, Ausgabe September 2026, hrsg. v. Fanrat Rot-Weiß Erfurt, S. 41-43.
Der aktuelle 1966er kann hier im Fanshop des FC Rot-Weiß Erfurt erworben werden.
02.11.2026

